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Das Kapitalismus-Märchen+14

Lernen, Sinn. 13.06.2007*, Stefan Sedlaczek
VerteidigungswaffenIn Ankapland arbeiteten die Menschen friedlich und fleißig. Sie verkonsumierten aber nicht alles, sondern legten das eine oder andere nicht so leicht verderbliche Gut beiseite um es zu einem günstigen Zeitpunkt in ein besonders haltbares und gut handelbares Gut umzutauschen. Dieses sparten Sie weiter, bis eines Tages eine kluge Frau oder ein kluger Mann ihren Weg kreuzen sollte, der ihnen gegen das ersparte Gut half, effizienter zu arbeiten. Das war nie dasselbe: Die eine erwarb eine praktikable Maschine, der andere ließ sich auf eine verbesserte Methode hin beraten.Menschen Frieden Fortschritt Kapitalismus
So hielten es die Menschen in Ankapland schon seit Jahrhunderten und Stück für Stück verbesserte sich ihr Leben und das ihrer Nachbarn. Immer war genug Zeit und Habe übrig, um denen zu helfen, die nicht genug selbst schaffen konnten. Oft waren es aber gerade diese, die Ideen hatten und selbst die Blöden inspirierten den Geist der Geistreichen.

Eines Tages kamen Räuber aus Staatland und drohten den Ankapländern Gewalt an, wenn Sie nicht alles tragbare Hab und Gut abgäben. Die Ankapländer, die solche Menschen mit einem solchen Verhalten gar nicht kannten, waren erschrocken und wichen der Gewalt. Sie verloren etwas über die Hälfte ihres gesamten Hab und Gutes an die bösen Staatländer; mehr konnten diese nicht tragen.

Die Ankapländer argwöhnten nun, daß diese verbrecherischen Staatländer wiederkommen würden und faßten einen Beschluß: Das nächste mal werden wir uns wehren! Zum ersten mal mußten Sie überlegen, was das ist: Wir.

Bisher arbeiteten Sie zusammen, da gab es viele 'Wirs' kreuz und quer. Sie überlegten - jeder für sich und jeder mit jedem, den er kannte - lange, wie sie diese neue Herausforderung meistern sollten. Sie hatten sich bisher ja nicht als die Ankapländer gesehen, sondern als die Welt. Diese Situation hatte sich nun geändert: Es gab andere Menschen, die so ganz anders waren - und die raubten, statt zu schaffen, zu sparen und zu handeln.

Es war eine einzigartige, nie dagewesene Herausforderung. Die Schriftsteller zermarterten sich das Hirn, die Metzger und Stahlwerker fühlten sich herausgefordert. Biologen, Chemiker und Architekten befaßten sich mit der ungewöhnlichen Situation.

Propaganda Staat Mehrheit DemokratieJemand, den niemand kannte, machte einen Vorschlag, der sich in Windeseile verbreitete: Jeder Ankapländer solle eine bestimmte Menge leicht handelbaren Gutes aufwenden, mit dem eine Verteidigungstruppe bezahlt werden sollte. Diese sollte durch Abstimmung aus allen männlichen Ankapländern gewählt werden. Es hatte seinen guten Grund, daß sich dieser Vorschlag so schnell verbreitete, denn diese Gedanken waren den Ankapländern völlig fremd: Es tauchten Fragen auf, warum, an wen überhaupt etwas abgeführt werden sollte - und wieviel. Und: wären die zur Verteidigung Gewählten überhaupt einverstanden? Wie soll das gehen, wurde der Unbekannte gefragt. Wieviel davon, wann und wieviel von etwas anderem braucht man zu dem Vorhaben? Wer soll dies machen und was sollen diese Leute dafür bekommen? Wer soll die Einhebung vornehmen und wer soll diese in welcher Höhe bezahlen? Es tauchten unzählige Fragen auf, denn eine solche Vorgehensweise kannten die Ankapländer nicht. Wer konnte all' das wissen? Sie trauten dem auch nicht. Denn mußten da nicht alle mitmachen? So ist das, sagte der Unbekannte: Alle müssen mitmachen. Es muß jeder auch nur einen kleinen Betrag eines gut handelbaren Gutes abgeben, dann kann die Verteidigung sichergestellt werden. Wer aber seinen Beitrag nicht leistet, soll bestraft werden.

Nun waren sich die meisten Ankapländer sicher, daß sie sich verteidigen wollten. Einen erneuten Raub (so etwas Ungeheuerliches kannten sie ja nicht) wollten sie nicht dulden. Wo gab es denn so etwas, daß sich einer etwas ohne Vertrag nahm? Das mußte ein Ende haben, zur Not mit Gewalt, da hatte der Unbekannte schon Recht. Oder nicht? Manche Ankapländer überlegten, wie man Werte schafft, die nicht geraubt werden können; andere erfanden lokale Verteidigungsmaßnahmen. Wehrturm VerteidigungEine Vereinigung aus Metzgern, Stahlwerkern und Denkern hatte einige Geschäftsideen: Zusammen mit einem zweitklassigen (immerhin!) Ingenieurgeschäft und einem etwas größerem Industriebetrieb entwickelten sie hochwirksame Abwehrgerätschaften, die nur von wenigen Personen bedient werden brauchten. Sie verfügten über zahlreiche Abwehrschilde in physischer, chemischer und biologischer Hinsicht und diese waren schon auf Dorfebene einsetzbar. Ein Mitbewerber kopierte und verbesserte die Idee und die Urheber setzten in Kürze noch eine kleine Verbesserung darauf. Jedenfalls verkauften sich diese Produkte sehr erfolgreich.

Irgendwann stellte sich heraus, daß der Unbekannte ein Staatländer war, den die Räuber in Ankapland zurückgelassen hatten. Aber nicht nur ihn alleine: Es gab noch viel mehr Spione und Trojaner, die sich leicht entlarven ließen - und die verbannt wurden. Es gab aber auch einige, die ein redliches Handwerk aufnahmen oder sich anderweitig verdingten und selbständig wurden. Die Verbannten aber flohen nach Staatland und berichteten über die hochwirksamen Waffen der Ankapländer, die jeden weiteren Überfall sinnlos machten. Die Staatländer aber suchten den Rest der Welt auf und schickten sogar Raketen ins Weltall, um neue Untertanen und Auszubeutendes zu finden.

Die Ankapländer aber lebten weiter in Frieden, sparten, sammelten und investierten ihr Kapital.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

 

* Erstveröffentlichung auf www.liberty.li

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