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Liebe und Freiheit

von Stefan Sedlaczek

Herrschaft und Gemeinnutz       Liebe ist ein Kind der Freiheit

Freie Liebe

Dichter und Denker zu allen Zeiten sinnierten und schrieben
über die Liebe. Kann man das überhaupt: über die
Liebe schreiben? Steht sie nicht selbst über allen Dingen?
Und dann: Liebe in einer Zeitschrift wie eigentümlich frei? Aber
so eigentümlich wie die Freiheit ist auch die Liebe: schwer
zu begreifen, von Mensch zu Mensch verschieden und doch
allen gemeinsam.
Hier stellt sich ganz natürlich die Frage, was die Freiheit
mit der Liebe zu tun hat? Und zuvor stellt sich die grundlegendere
Frage, was Liebe überhaupt ist? Und was befähigt
den Menschen zur Liebe? Liebt man eine Sache oder eine
Person? Es kommt bei der Betrachtung und Erörterung
dieser Fragen darauf an, welches Menschenbild ich habe.
Gehen wir von einem vernunftbegabten Wesen Mensch aus,
der das Gute will und zum Besseren zu handeln sucht, so
beschreibt sich Liebe ganz allgemein als der Grundaffekt
des vernünftigen Willens, als Hinneigung zu einer als gut
erfaßten Sache oder Person. Sie strebt nach Weiterentwicklung,
Vollkommenheit und Vollendung, ja nach Vereinigung
mit dem Geliebten.
Auch die Liebe läßt sich unterscheiden: So kennen wir
die „Liebe des Wohlgefallens“ (amor complacentiae), die
„Liebe des Begehrens“ (amor concupiscentiae) und die
„Liebe des Wohlwollens“ (amor benevolentiae). Die beiden
letzten sind die Hauptarten der Liebe, wobei die erste
Art diesen vorgeht, gleichsam als Einleitung und Annäherung.
Die begehrende Liebe sucht ihren Abschluß im Ich
des Liebenden selbst, die wohlwollende Liebe geht darüber
hinaus; ihr Gegenstand ist eine andere Person; sie hat
das der Liebe so recht eigentümliche Gepräge, sich selber
mitzuteilen.

Liebe zur Freiheit

Bei der Liebe zur Freiheit verhält es sich meist ebenso:
Man findet Gefallen an der Freiheit, das Baby bei der Bewegung,
das Kind am Selbständigwerden, der Erwachsene
im Schaffen und der alte Mensch im Denken und Deuten.
Aus dem Gefallen wird ein Begehren, oft gerade wegen
der mir möglichen Überwindung natürlicher oder künstlicher
Begrenztheit; die Liebe wird zur Liebe des Begehrens
(Freiheit für mich). Das genügt manchem, aber vollkommener
wird die Liebe des Ich durch das Du. Man wünscht
das geliebte Gute auch anderen, man liebt die Freiheit so
sehr, daß die Funken dieses leidenschaftlichen Feuers auch
andere anzünden mögen, auch ihnen Freiheit möglich ist
(Freiheit für dich).
Warum aber lieben Menschen die Freiheit? Warum sind
sie nicht zufrieden, bloß zu sein? Es ist die Vorstellung und
das Wissen, daß es mehr gibt, daß es besser geht, wenn ich
nur handele. Der Mensch als nicht bloß hinvegetierendes
Wesen, sondern mit Vernunft und Willen ausgestattet, ist
über sich hinaus ausgerichtet – und so ist es die Liebe selbst,
das Gute erkennend, die zum Handeln drängt und Freiheit
braucht. Nur der handelnde Mensch setzt dem Verfall, der
Entropie, dem Tod etwas entgegen: Und zum Handeln
braucht es Freiheit.

Freiheit zur Liebe

Antagonisten von Freiheit sind Zwang und Grenzen.
Beim Zwang ist der Mensch unter das Joch eines anderen,
fremdnützigen Willens befohlen. Grenzen findet der Mensch
in sich, in der Natur und in der Freiheit anderer, aber eben
auch in der Willkür Mächtigerer, die ihn zwingen. So kann
man Menschen zu vielem zwingen, in Schulen und zum Steuernzahlen,
zum Beachten andererleuts Meinungen und Gesetze,
zum Arbeiten, zum Wachbleiben, zum Sex und zur
Organentnahme, zur Abtreibung ebenso wie zur Geburt.
Sogar zum Weiterleben und zum Tod mögen die Mächtigeren
Schwächere zwingen, nur zu einer einzigen Sache kann
kein Mensch gezwungen werden: zur Liebe. Sie ist vollkommen
frei. Kein Zwang kann ihr befehlen, und Grenzen
überschreitet der durch sie beflügelte Mensch mit Leichtigkeit.
Sie ist etwas Großartiges und Einzigartiges, sie ist wirklich
eigentümlich frei. Niemand herrscht über sie – vielmehr:
Wer liebt, beherrscht sich oft nicht selber. Und so ist die
Liebe frei und der Mensch mit ihr. Herrlich.

Erstveröffentlichung in ef 78, Dez./Jan. 2007/2008

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